Leitartikel 2010: Pfarrer Xaver Herzog - der "alte Balbeler"

Jede Kontaktausgabe eröffnen wir mit einem Leitartikel. Hans Moos, Ballwil, schreibt uns zum 200. Geburtstag von Xaver Herzog aus seinem Leben und Wirken.

Des weiteren lesen Sie den Rückblick zur Feierstunde und Ausstellung anlässlich der 200. Geburtstagsfeier vom 31. Oktober 2010 in der Pfarrkirche und anschliessend zum Ausklang im Gemeindesaal.
Eingeladen dazu hatten die Kirch- und die politische Gemeinde Ballwil.


Zum 200. Geburtstag von Xaver Herzog (Rückblick)

Gemütlicher Ausklang bei Kürbissuppe und Most ab Presse im Gemeindesaal.

Die Kirchgemeinde und die politische Gemeinde Ballwil veranstalteten am Sonntag, 31. Oktober 2010, 17 Uhr, in der Pfarrkirche eine gemeinsame Feierstunde für Pfarrer Xaver Herzog, den "alten Balbeler".

In Ballwil lebt der "alte Balbeler" weiter
Mehrere hundert Besucher haben am verlängerten Wochenende von Allerheiligen im neuen Kulturraum Margrethenhof die Ausstellung über "Xaver Herzog, den alten Balbeler", besucht.  Die von P. Christian Lorenz, Jakob Werder, Franz Xaver Kaufmann und René Schenker vorbereitete Ausstellung  illustrierte anschaulich das Wirken Xaver Herzogs anhand von Objekten aus dem Pfarrarchiv und aus dem Dolderhaus Beromünster: Porträts, Briefe, Originalausgaben seiner Bücher und Baupläne. Die von Annemarie Schwegler eigens für diesen Anlass gestaltete Tonbildschau vermittelte ein eindrückliches Bild des Gefeierten.

Brücken in die Gegenwart
Zur Feierstunde aus Anlass seines 200. Geburtstags versammelten sich am Vorabend von Allerheiligen Einheimische, Heimweh-Ballwiler und auswärtige Gäste in grosser Zahl. In der seinerzeit von Xaver Herzog initiierten Pfarrkirche gestaltete sich der Gedenkanlass zu einem nachhaltigen Erlebnis. Markus Ries aus Rain, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern, schilderte den früheren Ballwiler Pfarrer als aussergewöhnlichen Geistlichen, der trotz seiner politisch konservativen Gesinnung neue Wege in Seelsorge, Ausbildung und Kirchenbau ging. Der Schriftsteller Pirmin Meier aus Rickenbach stellte spannende Beziehungen zwischen dem Kulturkampf des 19. Jahrhunderts, wo Herzog mit Herzblut die katholische Sache vertrat, und den aktuellen Auseinandersetzungen um religiöse Zeichen und gelebte Überzeugung her. Gemeindepräsident Hans Moos zeigte auf, was Xaver Herzog seinen Pfarrkindern früher bedeutet hat und wie er im Gedächtnis seines Wirkungsorts bis heute weiterlebt.

Musikalisch stimmig umrahmt
Ausschnitte aus Herzogs Werken, gelesen von Theres Helfenstein, ergänzten die Referate. Für eine stimmige musikalische Gestaltung der von P. Christian Lorenz geleiteten Feier sorgten Organist Josef Estermann und die Violinistin Judith Müller mit Raritäten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Als Überraschung intonierte Josef Estermann an passender Stelle den vom einheimischen  Musikanten Ernst (Aschi) Lehmann 1984 komponierten Marsch "Dr alt Baubeler" auf der Orgel. Bei einem schlichten Suppen-Znacht im Gemeindesaal klang der stimmungsreiche Anlass gemütlich aus.                                                                

Hans Moos

 

Anschliessend lesen Sie das 11. und letzte Kapitel und somit schliesst sich die Berichterstattung zum Jubeljahr. (Kapitel 1-10 lesen Sie von unten nach oben.)

 

Wie sich der Pfarrer nur ungern von seinen Pfarrkindern trennte (11/Schluss)

Wie so mancher Mensch erscheint uns in der Rückschau auch der "alte Balbeler" alles andere als spannungsfrei: Er war ein rühriger Schriftsteller und hatte es doch gerne gemütlich; er empfing Gäste aus nah und fern und durfte trotzdem seine Pfarrkinder nicht vernachlässigen; er war oft viele Wochen lang unterwegs auf Reisen und blieb im Herzen seiner Luzerner Heimat dennoch eng verbunden. Auch sein äusseres Bild, wie es Elisabeth Egli in ihrer Biographie zeichnet,  trägt überraschende Züge: "Von mittelhoher Statur, wohlbeleibt, den grossen blonden Bauernkopf behaglich auf die Halsbinde gestützt, mit Augen, die unter einer hellen Stirn die ganze lachende Breite des Gesichtes einnehmen, den Mund zu einem eher derben als geistreichen Scherzwort geöffnet, so steht er da, eher bäuerlicher Stammvater als Nachkomme eines Geschlechts von Geistlichen und Gelehrten, ein selbstbewusster, selbstsicherer Mann, der Naturgenie zu besitzen glaubte, ein Schul- und Paragraphenverächter zeit seines Lebens, aber ein Pfarrer, der sich von seinen Grundsätzen so wenig abmarkten liess wie ein Bauer von seiner Matte."

Ein Christentum der Liebe
Anders als über den Schriftsteller und den Kirchenbauherrn weiss man über den Seelsorger Xaver Herzog nicht viel Gesichertes. Doch ein schönes und glaubwürdiges Zeugnis seines Wirkens stammt ausgerechnet von einem Liberalen, von Heinrich Ineichen, einem hoch interessanten Zeit- und Dorfgenossen Herzogs. Obwohl die beiden das politische Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten und sich auch vom Naturell her kaum glichen, haben sie sich doch verstanden und respektiert. In seinen Erinnerungen, von Franz Felix Lehni 1987 herausgegeben, attestiert Heinrich Ineichen seinem Pfarrer nicht nur eine selten starke Volksverbundenheit, sondern auch "ein Christentum der Liebe, das das Leben befruchtet und es trägt".

Der Abschied fiel ihm schwer
Aus Heinrich Ineichens Aufzeichnungen erfahren wir zudem, wie schwer sich der altersgeschwächte Xaver Herzog mit dem längst fälligen Rückzug in den Ruhestand tat. Nachdem er sich 1883, nach 42 Amtsjahren, endlich zum Entlassungsgesuch und zum Eintritt ins Chorherrenstift Beromünster durchgerungen hatte, trennte sich der Pfarrherr nur ungern von seiner Pfarrei und vom geliebten Seetal. Nochmals Heinrich Ineichen: "Der Abschied fiel ihm schwer. Die Abschiedsrede war kurz, aber herzlich. In Münster waren Sinn und Gedanken immer nach Ballwil gerichtet; in seiner Heimat war er fremd geworden. Schon am 22. Dezember desselben Jahres ereilte ihn der Tod. Eine grosse Zahl seiner Pfarrkinder begleitete ihn am 26. Dezember in Münster zu Grabe. Gott habe ihn selig, die gute Seele!"

In Ballwil ist die Erinnerung an Pfarrer Herzog lange lebendig geblieben, und auch heute ist der "alte Balbeler" zumindest der älteren Generation noch ein Begriff. Gelesen werden seine Schriften allerdings kaum mehr. Als ungeschminkte Zeitzeugnisse sind sie indessen immer noch wertvoll. Dem Erbauer seiner schönen Kirche, dem volksnahen Seelsorger und freimütigen Kirchenmann wird Ballwil, so hoffe ich, ein gutes Andenken bewahren.                                                                            

Hans Moos

 

 

Eine Frohnatur widmet sich den Verblichenen (10)

Der "ustige Balbeler", wie er zu Lebzeiten oft genannt wurde, war auch als Schriftsteller mit den letzten Dingen vertraut. So verfasste Xaver Herzog neben seinen bissigen Kommentaren und heiteren Erzählun-gen reihenweise Nachrufe auf verstorbene Amtsbrüder. Einige dieser Nekrologe zählen wohl zum Besten von dem, was so reichlich aus seiner Feder floss.

Der Tod im Alltag
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begegnete der Tod den Menschen noch viel direkter und häufiger im gewöhnlichen Alltag als heute. Die Kindersterblichkeit war hoch, die Lebenserwartung tief, und die meisten Menschen starben, oft jung, daheim in den eigenen vier Wänden. Die Trauer der Angehörigen und Nachbarn verschaffte sich in einem vielfältigen Totenbrauchtum Ausdruck. Als Dorfpfarrer hatte Xaver Herzog täglich mit Krankheit und Sterben zu tun: Krankenbesuche, Versehgänge, Beerdigungen und Jahrzeiten gehörten zu seinen selbstverständlichen Seelsorgepflichten. Dazu kam für den schreibgewandten Kleriker eben noch das Verfassen von Nachrufen auf verstorbene Priester.

Ein Bild des Klerus seiner Zeit
Zwischen 1861 und 1868 veröffentlichte Xaver Herzog diese Nekrologe in fünf Sammelbändchen unter dem schwülstigen Titel ?Geistlicher Ehrentempel oder Pyramide der Unsterblichkeit, das sind Lebensbeschreibungen etwelcher Geistlichen aus dem katholischen Luzernerbiet?. Darin widmet er sich lange nicht immer nur der Person des Verblichenen. Es ging ihm auch um eine allgemeinere Darstellung der Lebensumstände des damaligen Klerus, der kirchen- und staatspolitischen Kleinkriege und der menschlichen Schwächen der Seelsorger und ihrer Pfarrkinder.
So freundlich und respektvoll er einen Amtsbruder würdigen mochte, scheute er sich auch nicht, dessen Schattenseiten zumindest anzudeuten. Man munkelte nicht umsonst, der eine oder andere Luzerner Geistliche habe zu Lebzeiten versucht, sich mit einer Gefälligkeit beim Balbeler Pfarrer von der Gunst eines Nachrufs aus dessen Feder loszukaufen. Jedenfalls ergeben Xaver Herzogs Nachrufe ein aufschluss-reiches Bild des Luzerner Klerus und des kirchlichen Lebens in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Für eine geistliche Akademie
Als Reaktion auf kirchen- und kleruskritische Tendenzen wurde damals das Priesteramt in kirchlichen Kreisen stark aufgewertet und überhöht. Xaver Herzog trug mit seinen Schriften kräftig dazu bei, forderte aber auch im Gegenzug eine bessere Ausbildung für die jungen Kleriker. Wie schon in seinen Erzählungen verstand er es ebenso in seinen Nekrologen, mitunter seine eigenen Ansichten und Anliegen einzubringen. So auch im weit ausholenden Nachruf auf seinen Vorgänger in Ballwil, Josef Rudolf Achermann, zu seiner Zeit eine ebenfalls bekannte Persönlichkeit. In dessen Lebensbeschreibung flicht Herzog die Frage ein; "ob nicht eine Art geistlicher Akademie in's Leben zu rufen wäre, durch welche mehr wissenschaftliche Thätigkeit unter den Pastoralklerus gebracht und zugleich regulirt werden könnte?". Mit dieser Anregung betrat der "alte Balbeler" durchaus neue Wege, und es war nicht das einzige Mal, dass sich der Erzkonservative dem Fortschritt öffnete. 
                              

Hans Moos

 

 

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Wie selbst der Geschichtenerzähler Seelsorge betreibt (9)

"Was die folgende, nicht bloss ganz weltliche, sondern überdies noch weibervolkliche Geschichte dem menschlichen Geschlechte und den Lesern des Luzernerbieters nütze, das weiss ich selber nicht recht; aber ich hoffe, sie werde doch wenigstens nicht schaden..." In solch munterem Plauderton eröffnet Xaver Herzog seine Erzählung "Wie?s Babeli zu einem Mantel kommt" und lässt gleichzeitig durchblicken, dass eine erzählte Geschichte in aller Regel dem Menschen und seiner Moral nützen sollte. Es ist dies sogar das entscheidende Motiv für seine volkstümliche Schriftstellerei. Ihm geht es darum, seine religiösen und politischen Überzeugungen und die Anliegen des Seelsorgers auf unterhaltsame Art wirksam unter das Volk zu bringen.

Ein rascher Schreiber
Und er hat auch das Zeug dazu ? dank seiner ungekünstelten Volksnähe, seinem Humor, seiner Lust am Fabulieren und seinem Hang zum Kuriosen, zu Schwank und Satire. Zudem ist er ein talentierter, allerdings unsorgfältiger, rascher Schreiber, in dessen Deutsch die Mundart mehr als nur durchschimmert. Es scheint, als schreibe er einfach so dahin. Das Feilen und Hobeln am sprachlichen Ausdruck liegt ihm nicht. "Wie es mir kommt, so schreibe ich es, und wie ich?s geschrieben habe, so schick ich es ab und damit basta", hält er seinen Stilkritikern selbstbewusst entgegen.

Aus dem Erleben geschaffen
Xaver Herzogs erzählerisches Werk umfasst zwar eine Unmenge von Titeln, aber vieles davon ist "Kurzfutter": Kalendergeschichten und Gelegenheitsprodukte. Immerhin sind elf umfangreichere Erzählungen in Buchform erschienen, so etwa Der Idealist, oder eine Pastoral aus dem Leben in Form einer Novelle, oder Der Pfarrer Isidor und wie es ihm mit dem "Bauern" ergangen. Es sind eine Art Priesterromane, stark aus dem persönlichen Erleben geschaffen und immer der Gegenwart verhaftet. Die realistischen Schilderungen aktueller Zustände, oft mit ironischer Note versehen, gefielen dem einfachen Publikum, nicht aber dem politischen Gegner. Auch beim Klerus herrschte nicht nur Freude über die unbekümmerte Erzählweise des geistlichen Mitbruders.

Kein Gotthelf

"Im Mittelpunkt seiner Erzählungen steht ?der Kampf der Kirche um ihre Rechte und um die Reinheit ihrer Lehre", hält Elisabeth Egli in ihrer immer noch höchst lesenswerten Darstellung fest. Dass eine so absichtsvolle Literatur dennoch als süffige Lektüre den Weg zur Volksseele fand, ist der besonderen Gabe des Autors zuzuschreiben. Ihn deswegen mit Jeremias Gotthelf zu vergleichen, wie dies eine Zeitlang versucht wurde, wäre allerdings abwegig. Der "alte Balbeler" war als Erzähler zu sehr an Zeit und Zweck gebunden, um zeitlose und tiefgründige Werke zu schaffen. Der Luzerner Sprachwissenschafter Walter Haas sagt es in seiner Ausgabe der "Luzerner Poeten" (1983) treffend: "Der alte Balbeler ist kein ?Numero-Eins-Stern? am Dichterhimmel. Immerhin aber gehört der mutige und originelle Querkopf in unsere bescheidene Sammlung der Luzerner Poeten ? schon des unnachahmlichen KLangs seiner Drehleier wegen."                   

Hans Moos

 

 

Wie der schreibende Landgeistliche links und rechts aneckt (8)

Was haben wohl die biederen Ballwiler anno dazumal von der Schriftstellerei ihres rührigen Pfarrers gehalten? Dass Xaver Herzog neben seiner Seelsorge fleissig die Schreibfeder zückte, musste bei seinen Pfarrkindern gewiss Neugierde wecken, aber da und dort auch Kopfschütteln verursachen. Beim ländlichen Publikum kam der kämpferische, jedoch stets humoristisch gefärbte Ton des schreibenden Ballwiler Pfarrers vorwiegend gut an. Anders bei der liberalen Presse, die über den "frivolen Zionspfaffen" schimpfte und ihm vorwarf, selbst auf der Kanzel könne er das Witzereissen nicht lassen.

 
"Du sollst nicht liberal sein"
1853 erschien erstmals der "Katholische Luzernbieter", ein rund 70 Seiten starkes Heftchen, mit dem Xaver Herzog sozusagen seine Hauszeitung schuf. Zuerst erschien diese anonym, "von einem Landgeistlichen", doch es war schon bald ein offenes Geheimnis, wer dahinter steckte. Bis 1860 erschien der "Luzernbieter" zweimal jährlich, später nur noch sporadisch. Die Hefte enthielten eine bunte Mischung von Erbaulichem, Erzählungen, Informationen, Reiseberichten und politischen Kommentaren. Wenn  es um (Kirchen-) Politik ging, kämpfte Herzog mit offenem Visier: "Du sollst nicht liberal sein", lautet etwa der Titel eines Leitartikels von 1869. Auf mehr als 20 Seiten reitet da der Pfarrer von Ballwil eine Attacke gegen den Zeitgeist und kommt zum Schluss: "?wenn der römische Papst nicht kann und nicht soll liberal werden, so darf und kann es auch kein Bischof, kein Priester, keine Regierung und kein einzelner Katholik!"

 
Arme Katholiken
Herzog griff aber auch Themen auf, die weit über die Tagespolitik hinausgingen. So setzt er sich 1861 mit der Frage auseinander, warum die Katholiken ärmer seien als die Protestanten. Er verdeutlicht dies an offenkundigen Gegensätzen zwischen Zofingen und Willisau, zwischen "Reinach mit seinen Spinnereien und Münster mit seiner Hintergass". Damit nimmt er eine brisante Fragestellung vorweg, der sich später berühmte Wirtschaftstheoretiker in grossen Abhandlungen widmen werden. Herzog jedoch geht mit dem schwierigen Stoff ganz nach seiner Art um - mit leichter Hand: Bald schweift er ab und erzählt Anekdoten aus der eigenen Jugend, bald schiesst er Pfeile nach links und rechts und bricht dann die Diskussion kurzerhand ab. Dennoch enthält der Aufsatz aufschlussreiche Hinweise auf Lebensarten und Denkmuster, die das 19. Jahrhundert hierzulande prägten, ganz abgesehen von den amüsanten Müsterchen, die der Autor reichlich einstreut.

Weniger bekannt, aber im Rückblick bedeutsamer als die politischen Schriften waren jene Abhandlungen Herzogs, in welchen er sich mit der innerkirchlichen Reform beschäftigte. So machte er sich für eine bessere, praxisnähere Ausbildung der jungen Theologen stark. Mit seinen Anregungen stiess er lange nicht überall auf Gegenliebe. "Während also Herzog bei der liberalen Geistlichkeit als Römling verschrien war, wurden anderseits seine Anregungen als zu neu und zu gewagt abgelehnt", stellt Herzogs Biografin Elisabeth Egli fest.            

Hans Moos

 

 

Wie der Seelsorger und Kirchenbauer die Schriftstellerei entdeckt (7)

Mit der schmachvollen Niederlage der katholischen Kantone im Sonderbundskrieg (1847) brach für Pfarrer Herzog eine Welt zusammen. Er hatte den Bruderzwist "ganz im Zeichen eines Religionskrieges" gesehen, wie seine Biografin Elisabeth Egli feststellt, als Kampf zwischen religiösen und weltlichen Kräften, letztlich zwischen Gut und Böse. Man kann sich heute in unseren Breitengraden eine derart aufgeheizte Stimmung kaum mehr vorstellen. Entfernte Anklänge an die aktuellen weltweiten Auseinandersetzungen um den Fundamentalismus islamischer Prägung sind allerdings nicht von der Hand zu weisen, auch wenn die konkreten geschichtlichen Rahmenbedingungen grundverschieden sein mögen.


Der Leu von Ebersol - Vorbild und Freund

Die Niederlage der Sonderbundstruppen, am 24. November 1847 besiegelt im Gefecht von Gisikon, traf den Ballwiler Pfarrer doppelt, weil er lange Zeit an einen guten Ausgang dieses Ringens um die künftige Verfassung des Landes geglaubt hatte. Xaver Herzog zählte in den Vierzigerjahren zum engeren Freundeskreis des charismatischen Anführers der katholisch-demokratischen Bewegung, Joseph Leu von Ebersol. In ihm erblickte er einen Retter, von Gott "zum Moses bestimmt, dass er sein Volk befreie aus den Händen der Radikalen". 1845 fiel Joseph Leu einem politisch motivierten Mord zum Opfer, ein Ereignis, das die Luzerner Landbevölkerung im Innersten aufwühlte.

Das Gesellenstück des Schriftstellers
Pfarrer Herzog schilderte Person und Wirken des Ermordeten im Aufsatz "Einige Bilder aus dem Leben des Joseph Leu sel. von Unterebersol", der bald nach dessen gewaltsamen Tod in zwei Zeitungen und als Sonderdruck erschien. Es war sozusagen das Gesellenstück des Schriftstellers Xaver Herzog, das vorab beim ländlichen Publikum überaus gut ankam. Schon bald erschienen die "Achtzehn neuen, lustigen Briefe, gewechselt zwischen einem katholischen und reformierten Geistlichen". Das Büchlein schickte er dem angesehenen Jeremias Gotthelf in Lützelflüh zu, dem er sich, ungeachtet der unterschiedlichen Konfession, im Kampf gegen Radikalismus und Juristenregiment verbunden fühlte. Zudem wurde er Korrespondent einer süddeutschen Kirchenzeitung, die seine ungeschminkten, aber auch oft polemischen Berichte aus der Schweiz ohne Zensur veröffentlichte.

Die Feder und das schlagfertige Wort
Xaver Herzog war kein Kind von Traurigkeit. So hat ihn die schmerzliche Niederlage des Sonderbunds nicht lange gelähmt. Vielmehr stachelte sie ihn schon bald zu neuen Taten an. Als wirksamste Waffe gegen den nach seiner Auffassung religionslosen neuen Staat blieb ihm, dem schreibfreudigen Geistlichen, "nur die Feder und das schlagfertige Wort". Er bekämpfte den Gegner mit der "zeitgemässen Waffe der Presse" und dachte in dieser Beziehung "moderner als mancher Parteiführer" (Elisabeth Egli). Seine journalistische und schriftstellerische Produktion war jetzt nicht mehr zu bremsen. Ab 1853 publizierte er sogar eine eigene, jährlich erscheinende Zeitschrift, den "Katholischen Luzernerbieter". Für Ballwil und für die Architekturgeschichte bis heute von besonderem Interesse ist sein kleines Buch, das  eine detaillierte Beschreibung des Ballwiler Kirchenbaus enthält.          

Hans Moos

 

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Wie der Kirchenbau trotz Kriegswirren zu einem guten Ende kommt (6)

Nach dem Ja der Kirchgenossen zur neuen Ballwiler Pfarrkirche wollte Pfarrer Herzog im Herbst 1846 rasch ans Werk gehen. Wilhelm Keller aus Schongau, der es später mit seinen neugotischen Kirchen zu einiger Berühmtheit bringen sollte, sowie der Einheimische Candid Muff erhielten den Zuschlag für die Ausführung der Pläne des bayrischen Architekten Johann Seidl. Die Skepsis gegen das neuartige Bauwerk war mit dem positiven Volksentscheid allerdings noch lange nicht ausgeräumt. Der baufreudige Pfarrer liess sich durch das Nasenrümpfen über den auswärtigen Architekten nicht verdriessen. Er stieg immer wieder höchst persönlich auf das Baugerüst, um zum Rechten zu sehen und legte mitunter auch selber Hand an. Die Gottesdienste wurden während der Bauzeit in Gibelflüh gehalten, wo die Kapelle mit einem Holzverschlag provisorisch erweitert worden war.

 
Die Lage spitzt sich zu
Die Bauzeit stand nicht nur unter einem guten Stern. Zuerst machten viele Regentage den Bauleuten das Leben schwer. Als es im Herbst ans Eindecken ging, wurde das Land in Kriegszustand versetzt. Dringend benötigte Handwerker und Fronarbeiter wurden vom Bauplatz weg in den aussichtslosen Kampf der Sonderbundstruppen gerufen. Das ganze "Leiterli" hinauf bis zum General bemühte sich die Gemeinde Ballwil um Beurlaubung des "accordierten" Spenglermeisters. Nach Mitte November spitzte sich die Lage zu. Das ganze Gebiet nördlich der Reuss- und Emmenlinie wurde geräumt. Ballwil lag somit in Feindesland. Flüchtige Geistliche klopften beim Ballwiler Pfarrhaus an "mit desparaten Gesichtern, so dass sie nicht einmal mehr Wein trinken mochten", wie später Xaver Herzog die missliche Situation drastisch schilderte.

 
Als ginge es in die Verbannung
Vom Inwilerberg aus beobachtete Pfarrer Herzog die Truppenbewegungen im Raum der Gisiker Reussbrücke, wo am 23. November das entscheidende Gefecht zwischen dem Sonderbundsheer und den eidgenössischen Truppen ausgetragen wurde. Statt Kriegslärm herrschte jedoch bald Grabesruhe. "Da kam eine Frau und verkündete dem Pfarrer: der Krieg sei aus, der Sonderbund habe abgegeben". Er glaubte der Kunde zuerst nicht, doch ein zurückkehrender Soldat bestätigte sie. Für den konservativ gesinnten Herzog war sie niederschmetternd. Er schreibt: "Ach! Wie war das doch ein Schwert durch unsere hoffnungsvolle Seele, durch unser ganzes Leben. Herr, dein Wille geschehe! Als ginge er in die Verbannung nach Sibirien, so kehrte der Pfarrer langsam heim; kaum mochte er seinen Blick auf die Kirche richten, doch sah er, dass die Zierathen auf dem Dache weg seien, man hielt sie feindlicherseits für einen Telegraph und wollte sogar das Thürmchen beschiessen...".

 
Eine Geste des Friedens
Allen Unbilden des Wetters und des Krieges zum Trotz konnte am 8. Dezember 1847 die halbfertige Kirche mit den noch kahlen Wänden eingesegnet und als Gotteshaus benützt werden. Eine Baselbieter Einheit der siegreichen eidgenössischen Truppen, die in Ballwil einquartiert war, hatte sich bereit erklärt, bei der feierlichen Einsegnung Parade zu stehen. War das, nach dem entsetzlichen Bruderzwist, nicht als deutliche Geste des Friedens zu verstehen?

Hans Moos

 

Wie der junge Pfarrherr zum fortschrittlichen Kirchenbauer wird (5)

Als Xaver Herzog am 17. Oktober 1841 hier seinen "Aufritt" hatte, zählte Ballwil mit weniger als tausend Seelen nicht zu den grossen Pfarreien im Seetal. Dennoch war seine Pfarrkirche aus dem Jahre 1711 schon seit Jahrzehnten zu klein, um an Sonn- und Feiertagen die Gläubigen zu fassen. Durch die so genannte Abründung zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Pfarrei an Umfang bedeutend zugelegt. Und weil laut Volksmund eine neue Kirche einen neuen Pfarrer will, verknüpften sich mit dem Pfarrerwechsel von 1841 entsprechende Hoffnungen.


Unterwegs von Haus zu Haus

Pfarrer Herzog schien dem Wunsch nach einem grösseren Gotteshaus nicht abgeneigt. Vorher musste er allerdings von der schweren Krankheit genesen, die ihn nach Amtsantritt an den Rand des Todes gebracht hatte. Dann machte er sich zügig ans Werk. Es ging zunächst darum, das Bauvorhaben den Kirchgenossen so schmackhaft zu machen, dass es ihnen auch eine Gabe wert war. Schon im Herbst 1842 sieht man den neuen Pfarrer zusammen mit dem Kirchmeier auf Betteltour von Haus zu Haus. Die Sammler werden, so berichtet Xaver Herzog, "überall freundlich aufgenommen; aber verschieden, wie die Häuser selber, sind auch die Leute, und eben so verschieden ihre Gesinnung, wie ihre Gaben. Man merkte bald, was Trumpf ist, und wie man über den Kirchenbau gesinnt sei und was man über ihn verhandelt habe."

Ein Architekt aus Bayern
Die Mittelbeschaffung war indessen nicht die einzige Hürde, die der baufreudige Pfarrer zu überwinden hatte. Gegen das architektonisch neuartige Projekt regte sich nämlich Widerstand. Der in jungen Jahren weitgereiste Xaver Herzog war eben nicht nur der stockkonservative Haudegen, als der er der Nachwelt gerne dargestellt wird. So suchte er für den Neubau der Ballwiler Pfarrkirche nach neuen Ausdrucksformen. Vom herkömmlichen Luzerner Kirchenbauschema, das sich an die barocke Tradition der Gegenreformation anlehnte, hielt er nicht viel. Im Geiste der Romantik setzte er sich für eine Rückbesinnung auf die frühchristliche und mittelalterliche Formensprache ein. Ein junger Architekt aus Bayern namens Johann Seidl, der damals in Luzern und Altdorf tätig war, lieferte ihm ein entsprechendes Projekt, das einen klassizistischen Saalbau mit neubyzantinischen Elementen vorsah.

 
Der Pfarrer zittert vor dem Entscheid
Auf die Leute von Ballwil mussten Seidls Pläne zuerst neu und fremd wirken. So blickte ihr Pfarrer dem Entscheid der Kirchgemeindeversammlung vom 27. August 1846 denn auch mit einiger Beklommenheit entgegen. Im vorausgehenden Sonntagsgottesdienst forderte er "mit zitternder Stimme", wie er später bekannte, das Kirchenvolk auf, fünf Vaterunser zu beten, "um von Gott den rechten Geist zu erflehen". Die anschliessende Versammlung verlief dann aber problemlos, das im Geist der Zeit fortschrittliche Projekt von Seidl fand einhellige Zustimmung. Bald schon konnte gebaut werden - am Standort der alten Kirche, die vorher noch abgerissen werden musste. Nur der erst 1814 errichtete Turm blieb stehen, da er in das neue Projekt integriert werden sollte. Und als es ans Bauen ging, brach der Sonderbundskrieg aus...                                     

Hans Moos

 

Wie der Vikari das Bauern lernte und Baubeler Pfarrer wird (4)

Nur zu gerne möchten wir wissen, wie im Februar 1836, wohl noch zur kalten Winterszeit, im alten Flecken Münster die Primiz unseres Xaver Herzog gefeiert wurde. Man mag geneigt sein, sich eine aufwändige, standesgemässe geistliche und weltliche Feier auszumalen. Doch Elisabeth Egli, die zuverlässige Biografin, erwähnt lediglich, dass Herzog am 14. Februar 1836 seine erste heilige Messe auf dem Allerheiligenaltar der Stiftskirche gelesen habe. Zur anschliessenden Feier habe Propst Ludwig Meyer von Schauensee, sein Firmpate und geistlicher Vater, die Familie in die Propstei eingeladen. Das tönt eher nach halbprivatem Anlass als nach breit angelegter Volksfeier.

 
Schöne Jahre am Sempachersee

Wie auch immer der grosse Festtag verlaufen sein mag ? für den jungen Geistlichen war es der Auftakt zu einem langen Priesterleben, das eher im Abseits begann. Durch Vermittlung eines früheren Luzerner Theologieprofessors kommt Xaver Herzog zunächst als Vikar nach Wolhusen zu einem eifrigen Pfarrer, der sich vor dem Theologiestudium in Yverdon beim berühmten Pädagogen Heinrich Pestalozzi zum Lehrer hat ausbilden lassen. Der neue Vikar scheint aber den Draht zum fortschrittlichen Lehrmeister nicht so richtig zu finden. Schon nach einem halben Jahr wechselt er ins kleine, idyllische Eich am Sempachersee, wo sich der betagte Pfarrer Johann Heinrich Zülli nicht nur seinen Schäfchen, sondern auch der eigenen Landwirtschaft widmet. Herzog muss bei Heuet und Obsternte ebenfalls tüchtig Hand anlegen und fühlt sich wohl dabei. Jedenfalls bezeichnet er später ? vielleicht zum Erstaunen der Ballwiler ? die vier Jahre in Eich als den ?schönsten Teil seines Lebens?.

 
Intermezzo daheim in Beromünster

Dennoch regt sich bei Herzog der Wunsch nach ?pfarrherrlicher Selbständigkeit? (Elisabeth Egli). Da in Luzern zu dieser Zeit eine liberale Regierung am Ruder ist, stehen die Chancen des bekennenden Konservativen,  sich eine vom Staat zu vergebende Pfründe zu sichern, nicht eben günstig. Ende 1840 lässt er sich zum Kaplan der Stiftskirche seines Heimatortes wählen. Doch die Bürgerschaft verweigert ihm das mit der Kaplanei verbundene Amt eines Pfarrhelfers an der Pfarrkirche St. Stephan. So wird sein Aufenthalt im heimatlichen Münster zum kurzen, enttäuschenden Intermezzo. Er bewirbt sich im Herbst 1841 um die im Kantonsblatt ausgeschriebene Pfarrerstelle in Ballwil und wird gewählt.

 
Das Seetal lockt

Der Abschied von Beromünster dürfte Xaver Herzog unter diesen Umständen, trotz seiner inneren Bindung an Familie und Herkunftsort, leicht gefallen sein. Und überdies lockte ihn das anmutige Seetal, die Heimat des von ihm hoch verehrten Ratsherrn Josef Leu von Ebersol, mit seiner selbstbewussten bäuerlichen Bevölkerung und sichtbaren Spuren einer bedeutsamen Vergangenheit. Inzwischen hatte übrigens im Kanton Luzern der politische Wind gedreht. Im Frühjahr 1841 waren zwei denkwürdige Abstimmungen über die kantonale Verfassungsrevision zugunsten der von Leu angeführten katholisch-demokratischen Partei ausgegangen. Der Jubel sollte indessen von kurzer Dauer sein ? wenige Jahre später wird Xaver Herzog als Pfarrer von Ballwil die Wirren des Sonderbundskrieges hautnah mit erfahren.                                    

Hans Moos

 

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Aus dem "fidelen Herzig" wird doch noch ein Priester (3)

Der Weg Xaver Herzogs zum Priesteramt war nicht so gradlinig, wie man es vom später derart strenggläubigen und vorbehaltlos romtreuen Pfarrer von Ballwil hätte vermuten können. Als Student der Theologie geriet Herzog in Luzern anfangs der Dreissigerjahre des 19. Jahrhunderts in den Strudel der kirchenpolitischen Händel zwischen Liberalen und Konservativen. Im Herbst 1833 zog er zusammen mit anderen Luzerner Studenten ins süddeutsche Tübingen. ?Es war höchste Zeit, dass er Luzern verliess. Der Geist der Kritik war bereits in ihn gefahren?, schreibt Elisabeth Egli, vielleicht etwas augenzwinkernd, in ihrer auch heute noch höchst lesenswerten Dissertation über Xaver Herzogs Leben und Werk aus dem Jahre 1945.

Schlüsselerlebnis Tübingen
Das Studium an der berühmten Theologischen Fakultät der Tübinger Universität wurde für den jungen Freigeist aus konservativem Haus in der Tat zum Schlüsselerlebnis. Entgegen ihren Erwartungen kamen die Luzerner nicht in eine liberale Hochburg, sondern in eine zwar geistig regsame, aber durchwegs kirchentreue theologische Lebensschule. So bedeutende Köpfe wie die Theologen Möhler und Hirscher prägten den Geist der Fakultät. Xaver Herzog begeisterte sich vor allem für die praktische Theologie von Johann Baptist Hirscher. Elisabeth Egli rühmt die damalige Tübinger Fakultät dafür, ?dass die katholischen Theologen nicht mehr mit lebensfremden, abstrakten Vorstellungen ihre Pastoration antraten, sondern aus einer Schule des lebendigen Glaubens neue religiöse Begeisterung in Pfarrhöfe hinaustrugen, die bisher eher Philosophenstuben geglichen hatten als Mittelpunkten einer Kirchgemeinde.?

Bekannt und wohlgelitten
Der geistig-religiöse Schub von Tübingen scheint Xaver Herzogs ernste Absicht, Priester zu werden, gefestigt zu haben. Sein angeborener Froh- und Leichtsinn kam ihm deswegen aber nicht etwa abhanden. Namentlich in Studentenkreisen war er weiterhin als ?fideler Herzig? oder ?Baron von Münster? bekannt und wohlgelitten. Und als er im Frühling 1835 über Würzburg und Frankfurt in die Schweiz und nach Hause zurückkehrte, erreichten ihn dort dringende Mahnschreiben der Löwenwirtin zu Tübingen, seine Schulden endlich zu begleichen...

Ein Chorherr als Lehrmeister
Nach einem letzten Semester an der Theologischen Lehranstalt von Luzern zog sich der Priesteramtskandidat jedoch immer mehr aus dem studentischen Leben zurück. Da damals in Luzern kein Priesterseminar bestand, ging Herzog zu einem Chorherrn in Beromünster sozusagen in die Lehre, um in die Liturgie eingeführt zu werden. Im Oktober 1835 bestand er das Zulassungsexamen, am 2. Februar 1836 wurde er von Bischof Salzmann zum Priester geweiht, zwölf Tage später hielt er Primiz in der Stiftskirche des Heimatortes. Aus heutiger Sicht mag es erstaunen, wie kurz und doch recht dürftig damals die Ausbildung zum Priester war. Zwar zählte Xaver Herzog bei der Priesterweihe 26 Jahre; davon waren aber etliche eher verbummelt, während das ernsthafte Studium der Theologie sowie die Einführung in die praktische Seelsorge kaum drei Jahre dauerte. Bei anderen Berufen dürfte es sich damals allerdings nicht anders verhalten haben.

Hans Moos

 

Ein Kind seiner unruhigen Zeit (2)

Als Xaver Herzog vor genau 200 Jahren geboren wurde, war so manches ganz anders als heute. Trotz den politischen und sozialen Umwälzungen im Gefolge der Französischen Revolution und der Helvetik prägte damals das Chorherrenstift mit seiner grossen Kulturtradition weiterhin das Geschehen und Lebensgefühl im alten Flecken Münster.

Geschichte auf kleinem Raum
Zwar hatten noch wenige Jahre kurz zuvor, an der Jahrhundertwende, die Bürger und Bauern beim Tanz um den Freiheitsbaum im Flecken den Anbruch einer neuen Freiheit gefeiert. Der revolutionäre Elan verebbte aber schon bald, und man kehrte zur alten Tagesordnung zurück, wo Propst und Kirche nach wie vor viel zu sagen hatten. Eine Zeitlang spekulierte man sogar auf den Bischofssitz eines neu zu gründenden schweizerischen Bistums. "In Münster mehr als in Berlin und Wien, ist einer übel dran, wenn er es mit dem Klerus nicht kann", schrieb Herzog einmal und fuhr fort: "Es spielt sich da auf einem kleinen Raum die ganze Kirchen-, wenn nicht Weltgeschichte ab, der Kulturkampf - man kann sagen - in einer Nussschale, indem der Flecken den Staat, das Stift die Kirchen vorstellen tut."

In der "unteren Schmitte"
Man stelle sich das damals viel schlichtere Leben im Flecken nicht zu eintönig vor. Es war eine kleine, aber bunte Welt, bevölkert von Heiligmässigen und Missetätern, Charakterköpfen und Duckmäusern, Behäbigen und armen Schluckern. Im Werk des späteren Volksschriftstellers und Pfarrers von Ballwil hinterliess die Jugendzeit im Flecken durchaus ihre Spuren. Als aufgewecktes Kind einer grossen und angesehenen Handwerkerfamilie - sein Vater Adam Herzog betrieb an der Hauptgasse die "untere Schmitte" - nahm er am Leben in Werkstatt, Flecken und Stift regen Anteil. "Ich weiss noch sehr wohl, dass wir Kinder zusahen, wie sie Rosseisen schmiedeten, der Vater uns auf die Feilenbank setzte und einen Hauenstiel einsetzte, hinter welchem Sperrsitz wir dem Spiel der Zyklopen und der feurigen Funken zusahen."

Auf verschlungenen Pfaden
Auf eine behütete Kindheit folgten bewegte Lehr- und Wanderjahre, die den Lateinschüler und Studenten zeitweise in andere Fahrwasser brachten, als sie vom Elternhaus vorgezeichnet waren. Der Sprachwissenschafter Walter Haas, der 1983 ein schönes Auswahlbändchen herausgab, schildert die Irrungen und Wirrungen des jungen Herzog, knapp und treffend: "Die elterliche Wohlhabenheit ermöglichte dem äusserst mässigen Schüler einen aufwendigen Bildungsgang, der ihn nach St. Urban, Freiburg im Üchtland, immer wieder mal nach Luzern und sogar nach Tübingen führte; überall war er als Unterhalter und Musikant erfolgreicher als im Klassenzimmer. Damals war er Mitglied der Luzerner Sektion des freisinnigen Studentenvereins der Zofinger,; er half 1832 sogar die noch radikalere Helvetia gründen. Auf diesen verschlungenen Pfaden geriet das geistliche Ziel mehrmals fast aus den Augen. Erst die anderthalb Jahre in Tübingen machten aus dem aufmüpfigen Helveter den lebenslangen "Römling"?". So war der "alte Balbeler" in jungen Jahren ganz und gar ein Kind seiner Zeit.

Hans Moos

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Der "alte Balbeler" war auch einmal jung (1)

Im 21. Jahrhundert laufen ihm einheimische Sportgrössen den Rang ab. Doch während mehr als hundert Jahren war der Pfarrer und Schriftsteller Xaver Herzog, der "alte Balbeler", zweifellos unser berühmtestes Aushängeschild. Er galt weitherum als Inbegriff des witzigen, manchmal auch polternden Landpfarrers mit einer ausgeprägten politischen Ader. Um seine Person rankten sich Anekdoten, die noch lange nach seinem Tod im Umlauf waren.

 
Dem Namen nach bekannt
Manchen Leuten mag Xaver Herzog oder der alte Balbeler zwar zumindest dem Namen nach auch heute noch bekannt sein. Immerhin steht zu seinen Ehren ein Brunnen mit Gedenktafel mitten in unserem Dorf. Seine Schriften hingegen, von der humoristischen Erzählung bis zum kämpferischen Pamphlet, sind fast ausnahmslos längst aus den Regalen verschwunden. Zu sehr waren sie dem Bedarf und Geschmack ihrer Entstehungszeit verpflichtet.

 
Erbauer der Pfarrkirche
Sein wohl wichtigstes Werk jedoch hat unverrückbar dem Verfall widerstanden: unsere Pfarrkirche. Xaver Herzog hat in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts den Bau dieser damals ganz neuartigen Kirche massgeblich initiiert, vorangetrieben und auch architektonisch mitgeprägt. 1847/48 wurde das neue Gotteshaus vollendet, 60 Jahre später im Innern bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet und 1976/77 nach den ursprünglichen Plänen innen und aussen umfassend renoviert. 1997 feierte die Pfarrei das 150jährige Bestehen der Pfarrkirche mit einer Reihe verschiedener Veranstaltungen.

 
Erzkonservativ, aber originell
Ein "echter" Ballwiler war nun der alte Balbeler allerdings auch wieder nicht. Und er war auch nicht immer so alt oder altväterisch, wie man ihn sich vorstellen mag. Im Gegenteil, als junger Mensch soll er ziemlich bewegte Studienjahre verbracht und als Gelegenheitsmusikant in Wirtshäusern für aufgeräumte Stimmung gesorgt haben. Zum "alten Balbeler" machte der Volksmund den erzkonservativen, aber originellen Pfarrer von Ballwil erst viel später, als Xaver Herzog als Chorherr in seinen Heimatort Beromünster, der damals ganz offiziell noch Münster oder "Möischter" hiess, zurückkehrte und schon bald darauf, am 22. Dezember 1883, starb.

 
Beromünster und Ballwil gedenken seiner
Xaver Herzog ist also ein "Möischterer". Er wurde am 25. Januar 1810 im historischen Flecken geboren, als Sohn einer alteingesessenen Bürgerfamilie. Eine Gedenktafel am Geburtshaus erinnert an den Volksschriftsteller und Pfarrer von Ballwil. Sein Heimatort Beromünster wird den 200. Geburtstag Xaver Herzogs mit einer Gedenkfeier, die am Sonntag, 24. Januar, stattfinden wird, und mit einer wissenschaftlichen Tagung im Oktober 2010 begehen. Auch an seinem Wirkungsort Ballwil wird man Leben und Werk des alten Balbelers in Erinnerung rufen: mit einer Folge von Beiträgen im "Kontakt" und mit einer Feierstunde, voraussichtlich im Umfeld der Ballwiler Kilbi anfangs September.

Hans Moos

 

 

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